Tinnitus, Hörsturz und Zähne – kann das Kiefergelenk dahinterstecken?
Ein Pfeifen im Ohr, ein unangenehmes Rauschen oder das Gefühl, ständig ein Geräusch wahrzunehmen, obwohl es eigentlich still ist:
Tinnitus kann den Alltag erheblich belasten.
Viele Betroffene suchen zunächst Hilfe beim HNO-Arzt. Das ist auch der richtige erste Schritt. Doch manchmal lohnt sich ein Blick über das Ohr hinaus – nämlich auf die Zähne, die Kaumuskulatur und das Kiefergelenk.
Denn zwischen dem Kauapparat und dem Hörsystem gibt es Verbindungen, die bei bestimmten Formen von Tinnitus eine Rolle spielen können.
Kann Tinnitus von den Zähnen oder dem Kiefergelenk kommen?
Ja, zumindest bei einem Teil der Betroffenen kann eine Funktionsstörung des Kauapparates mit Ohrgeräuschen zusammenhängen.
Eine mögliche Ursache ist die sogenannte craniomandibuläre Dysfunktion (CMD). Darunter versteht man Funktionsstörungen der Kiefergelenke und der Kaumuskulatur.
Das Besondere: Beschwerden müssen sich nicht unbedingt direkt am Kiefer bemerkbar machen. Manche Menschen leiden unter Kopfschmerzen, Verspannungen im Nacken, Druckgefühlen im Ohr oder Ohrgeräuschen.
Die enge funktionelle und nervliche Verbindung zwischen den Strukturen im Kopf- und Halsbereich kann dazu beitragen, dass Beschwerden gemeinsam auftreten.
Wie können Kiefergelenk und Ohr zusammenhängen?
Das Kiefergelenk liegt unmittelbar vor dem Ohr. Auch die Kaumuskulatur befindet sich in direkter Nachbarschaft zu den Strukturen des Ohres.
Darüber hinaus bestehen nervliche Verbindungen zwischen dem Kauapparat und den Hörverarbeitungszentren.
Bei bestimmten Menschen können deshalb Reize aus der Kaumuskulatur oder dem Kiefergelenk die Wahrnehmung von Ohrgeräuschen beeinflussen.
Ein mögliches Zeichen dafür ist, wenn sich der Tinnitus durch bestimmte Bewegungen verändert.
Beispielsweise:
- Das Ohrgeräusch wird lauter, wenn Sie den Mund weit öffnen.
- Beim Zusammenbeißen der Zähne verändert sich das Pfeifen im Ohr.
- Wenn Sie den Unterkiefer nach rechts oder links bewegen, verändert sich das Geräusch.
- Verspannungen der Kaumuskulatur gehen mit verstärkten Ohrgeräuschen einher.
Solche Beobachtungen können Hinweise auf eine Beteiligung des Kauapparates sein. Sie beweisen allerdings noch nicht, dass die Ursache tatsächlich im Kiefer liegt.
Zähneknirschen, CMD und Tinnitus
Viele Menschen knirschen nachts mit den Zähnen oder pressen tagsüber unbewusst die Zahnreihen aufeinander.
Dieses Verhalten wird als Bruxismus bezeichnet.
Durch die dauerhafte oder wiederholte Belastung können die Kaumuskulatur und die Kiefergelenke beansprucht werden. Mögliche Folgen sind:
- Verspannungen der Kaumuskulatur
- Schmerzen im Bereich der Kiefergelenke
- eingeschränkte Mundöffnung
- morgendliche Kopfschmerzen
- Beschwerden im Nacken- und Schulterbereich
- möglicherweise eine Verstärkung bestehender Ohrgeräusche
Nicht jeder Mensch mit Zähneknirschen entwickelt allerdings eine CMD oder einen Tinnitus. Entscheidend ist immer die individuelle Situation.
Hörsturz und Tinnitus – welche Rolle spielen die Zähne?
Ein Hörsturz tritt meist plötzlich auf und betrifft häufig nur ein Ohr. Betroffene bemerken beispielsweise, dass sie auf einer Seite schlechter hören, ein Druckgefühl im Ohr haben oder zusätzlich ein Pfeifen beziehungsweise Rauschen wahrnehmen.
Die genaue Ursache eines klassischen Hörsturzes ist häufig nicht bekannt. Eine Funktionsstörung der Zähne oder des Kiefergelenks gilt nicht als typische Erklärung für einen akuten Hörsturz.
Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig:
Ein Tinnitus kann mit einer CMD zusammenhängen. Ein plötzlicher Hörverlust muss dagegen unabhängig davon umgehend HNO-ärztlich abgeklärt werden.
Auch wenn gleichzeitig Kieferbeschwerden bestehen, sollte man einen Hörsturz niemals auf die Zähne schieben.
Wann sollte man die Zähne und das Kiefergelenk untersuchen lassen?
Wenn eine HNO-ärztliche Untersuchung erfolgt ist und sich Hinweise auf eine Beteiligung des Kauapparates ergeben, kann eine ergänzende zahnärztliche Funktionsdiagnostik sinnvoll sein.
Besonders interessant ist das, wenn mehrere der folgenden Beschwerden gemeinsam auftreten:
- Tinnitus oder wiederkehrende Ohrgeräusche
- Knacken oder Reiben im Kiefergelenk
- Schmerzen beim Kauen
- Zähneknirschen oder Pressen
- Verspannungen im Gesicht oder Nacken
- eingeschränkte Mundöffnung
- Veränderung der Ohrgeräusche bei Kieferbewegungen
Bei einer Funktionsuntersuchung werden unter anderem die Beweglichkeit des Unterkiefers, die Kiefergelenke und die Kaumuskulatur beurteilt.
Dabei geht es darum, mögliche Funktionsstörungen zu erkennen und einzuschätzen, ob diese mit den Beschwerden zusammenhängen könnten.
Was kann man bei einer CMD tun?
Wenn tatsächlich eine Funktionsstörung des Kauapparates festgestellt wird, kommen je nach Befund unterschiedliche Maßnahmen infrage.
Dazu gehören beispielsweise:
- Eine individuell angefertigte Aufbissschiene, insbesondere bei entsprechender Indikation.
- Physiotherapeutische Maßnahmen zur Entspannung und Verbesserung der Beweglichkeit.
- Übungen zur bewussten Entspannung der Kaumuskulatur.
- Maßnahmen zur Reduzierung von Zähneknirschen und unbewusstem Pressen.
Wichtig ist eine individuelle Behandlungsplanung. Eine Aufbissschiene ist keine allgemeine Tinnitus-Therapie und kann nicht versprechen, Ohrgeräusche zu beseitigen.
Wenn der Kauapparat tatsächlich an den Beschwerden beteiligt ist, können entsprechende Maßnahmen möglicherweise auch die Intensität des Tinnitus positiv beeinflussen.
Fazit: Bei Tinnitus auch an den Kiefer denken
Ohrgeräusche haben viele mögliche Ursachen. Nicht immer liegt das Problem ausschließlich im Ohr.
Bei bestimmten Formen von Tinnitus können auch die Kaumuskulatur, das Kiefergelenk und eine craniomandibuläre Dysfunktion eine Rolle spielen.
Deshalb kann es sinnvoll sein, neben der HNO-ärztlichen Untersuchung auch den Kauapparat in die Abklärung einzubeziehen.
Manchmal lohnt sich bei Ohrgeräuschen also tatsächlich ein Blick auf die Zähne.
Über den Autor
Hans-Werner Schmücker ist Zahnarzt in Ottobeuren im Unterallgäu. In seiner Praxis beschäftigt er sich neben der allgemeinen Zahnmedizin auch mit funktionellen Zusammenhängen zwischen Zähnen, Kiefergelenken und Kaumuskulatur.
Fragen und Antworten zu Tinnitus, Hörsturz und Kiefergelenk
Kann Zähneknirschen Tinnitus auslösen?
Zähneknirschen kann die Kaumuskulatur und die Kiefergelenke belasten. Bei manchen Menschen können solche Funktionsstörungen mit Tinnitus zusammenhängen oder bestehende Ohrgeräusche verstärken. Ein eindeutiger Zusammenhang besteht jedoch nicht bei jedem Betroffenen.
Kann eine CMD Ohrgeräusche verursachen?
Eine CMD kann bei bestimmten Betroffenen mit Tinnitus verbunden sein. Besonders auffällig ist es, wenn sich die Ohrgeräusche durch Bewegungen des Unterkiefers oder durch Anspannung der Kaumuskulatur verändern.
Kann eine Aufbissschiene gegen Tinnitus helfen?
Wenn eine nachgewiesene Funktionsstörung des Kauapparates an den Ohrgeräuschen beteiligt ist, kann eine individuell angefertigte Schiene Teil eines Behandlungskonzeptes sein. Eine sichere Beseitigung des Tinnitus lässt sich damit nicht versprechen.
Kann ein Hörsturz durch eine Fehlstellung der Zähne entstehen?
Ein klassischer Hörsturz ist ein plötzlich auftretender Hörverlust, dessen Ursache häufig ungeklärt bleibt. Eine Zahnfehlstellung oder CMD ist keine etablierte Erklärung dafür. Ein plötzlicher Hörverlust muss umgehend HNO-ärztlich untersucht werden.
Das könnte Sie auch interessieren
- CMD – Wenn das Kiefergelenk Probleme macht – Erfahren Sie mehr über Funktionsstörungen des Kiefergelenks und ihre möglichen Auswirkungen.
- Kieferknacken – Ursachen und Folgen – Warum nächtliches Knirschen und Pressen die Zähne und Kaumuskulatur belasten kann.
- Knirscherschiene - Wie reinigt man diese am besten
- Zahnmedizin in Ottobeuren und im Unterallgäu – Lernen Sie die Zahnarztpraxis Schmücker und unser Behandlungsspektrum kennen.
Die klassische Behandlung eines Tinnitus
Die Behandlung eines Tinnitus richtet sich maßgeblich danach, ob es sich um ein akutes oder ein chronisches Ohrgeräusch handelt. Erste Anlaufstelle ist ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt (HNO), um organische Ursachen wie einen Hörsturz oder eine Schädigung des Hörnervs abzuklären. Danach sollte man auch einen Zahnarzt aufsuchen.
Akuter Tinnitus (unter 3 Monate)
- Kortisontherapie: Entsprechend aktueller Leitlinien wird ein akuter Tinnitus oft – ähnlich wie ein Hörsturz – mit Kortison behandelt, insbesondere wenn eine Hörminderung vorliegt.
- Begleitende Maßnahmen: Ausreichende Aufklärung (Counseling), Stressreduktion und das Vermeiden von absoluter Stille.
Chronischer Tinnitus (über 3 Monate)
Wenn die Geräusche länger als drei Monate anhalten, steht nicht mehr das "Heilen" des Tons im Vordergrund, sondern das Lernen im Umgang damit (Tinnitus-Bewältigung):
- Psychotherapie / Verhaltenstherapie: Kognitive Verhaltenstherapie hilft, den Leidensdruck zu senken und die Aufmerksamkeit vom Geräusch wegzulenken.
- Hörgeräte & Noiser / Masker: Liegt gleichzeitig ein Hörverlust vor (was bei über 90 % der Betroffenen der Fall ist), können Hörgeräte das Ohrgeräusch oft deutlich in den Hintergrund drängen. Spezifische Tinnitus-Instrumente (Noiser) erzeugen ein leises Hintergrundrauschen.
- Entspannung & Physiotherapie: Autogenes Training, progressive Muskelrelaxation, Sport sowie manuelle Therapien bei Kiefergelenks- (CMD) oder Halswirbelsäulen-Problemen können entlasten.
- Was laut Leitlinien oft wirkungslos ist: Spezifische Medikamente wie Ginkgo biloba, Betahistin oder klassische Nahrungsergänzungsmittel zeigen laut Fachleitlinien meist keinen nachweisbaren Nutzen.
